Widerstand gegen den Strom, Raum für Klage, neue Hoffnung und gelebte Solidarität: Die CMERK 2026 in Amersfoort bot weit mehr als Begegnungen über Ländergrenzen hinweg. Jürg Bräker blickt auf zentrale Gedanken und Erfahrungen zurück, die ihn während der Konferenz bewegt haben.
Die CMERK 2026 – ein Abend, ein Morgen und zwischendrin zwei volle Tage mit unterschiedlichsten Eindrücken und Begegnungen. Einiges haben wir alle gemeinsam erlebt, das meiste jedoch in kleinen Gruppen immer wieder neu gemischt. Manches haben die Organisatoren eingefädelt und dann viele Freiräume gelassen, damit die Tage in Amersfoort wirklich zur Konferenz wurden: Menschen miteinander im Gespräch darüber, wie sie ihr Glaube bewegt, wohin sie bewegt, was sie im Innersten erfasst hat.
Das Konferenzthema «Tanzen im Strom – Bewegt glauben – Bewegend glauben» nahm auf, dass wir uns als Kirchen in grossen Umbrüchen befinden. Nicht nur als Mennoniten in Europa, sondern auch in unseren Gemeinden. Wir sind Teil der Gesellschaft, beeinflussen ihre Entwicklung und werden gleichzeitig von ihr bewegt – und doch ist da auch unser Glaube als eigene Strömung, die uns im Fluss des Lebens Richtung gibt.
So haben die Plenarien am Morgen den Schwerpunkt gesetzt: Gegen den Strom! Was fordert, was stärkt unseren Widerstand? Was ist da an Widerständigem in unserem Glauben? Und am Abend mit dem Strom: Inmitten all des Zeitgeschehens ist auch Gott mit uns da, ist sein Strom des Lebens mitten im Leben, in dem wir tanzen, ruhen, neuwerden können.
Ein geschützter Raum für das gemeinsame Unterwegssein
Begonnen haben wir am Donnerstagabend mit der Arche, als Symbol für die anstehenden Tage: Wir finden uns zusammen an der CMERK wie in einem geschützten Raum, einen Moment lang getragen. Zusammengewürfelt kommen wir aus sehr unterschiedlichen Welten, wissen um Bedrohungen heute von Gewaltspiralen und Klimakatastrophen, Bedrohungen wie die grosse Flut damals, die alles zu vernichten droht; wissen ebenso um Gottes Hand, die Leben bewahrt und neuen Raum schafft. Begonnen haben wir mit einem stillen Moment. Mit Sandbildern erzählte der Künstler Zandtovenaar Geschichten von Werden und Vergehen, Liebe und Zuneigung, Zerbrechen, von Finden und Bewahrung. Schliesslich sprachen Jugendliche über ihr Tanzen im Strom der Zeit, darüber, wie sie Glauben bewegt, was in ihrem Alltag für sie Archen sind.
Das war schon ein erstes Highlight dieser Konferenz: Teenager und Jugendliche waren Teil des gemeinsamen Programms, besuchten nicht nur die Plenarien, sondern auch das Workshop-Programm. Und auch die Teile, die eher auf sie ausgerichtet waren, waren offen für alle anderen Altersgruppen. Die Rückmeldungen der Jugendlichen zeigten, dass sie diese Durchlässigkeit sehr geschätzt haben.
Was trägt gegen den Strom?
Am Freitagmorgen eine erste Herausforderung: Wir sollen nicht Schätze sammeln auf Erden, sondern im Himmel. Denn wo dein Schatz ist, da ist auch dein Herz. Wie hören wir Jesu Aussage, dass wir nicht gleichzeitig Gott und dem Mammon dienen können, in Zeiten von Wirtschaftskriegen und Durchsetzung von wirtschaftlichen Eigeninteressen? Erste Antworten kamen nicht von der Bühne, sondern aus dem Saal: in kleinen Gruppen, über Sprachgrenzen hinweg, tauschten sich die Teilnehmenden darüber aus, wo uns dieser Text trifft und herausfordert. Ein wunderbares Stimmengewirr, unverhoffte Begegnungen und Erkenntnisse. Immer wieder hörte ich im Laufe der Konferenz, dass diese Momente des Teilens zu den tiefgreifendsten gehörten, die in Erinnerung bleiben.
Erst danach folgten zwei ganz unterschiedliche Blicke von zwei Referent:innen: Stéphanie dos Santos aus der Schweiz erzählte vom Entrosten und vom Flicken von Löchern, die Motten gefressen hatten, und eröffnete so eine ungewohnte Perspektive: das Himmlisch-Wertvolle wird gesammelt im Heilen von Verletzungen, Freisetzen von Festgefahrenem, Hervorholen des Glanzes, auch in Menschen. Maxym Oliferovski aus der Ukraine erzählte von der Erfahrung, wenn im Krieg alle äusseren Sicherheiten wie Häuser und Güter wegbrechen, geraubt werden – und wie da das Leben, das Christus schenkt, eine Hoffnung über das irdische Leben hinaus, zu einer tragenden Kraft wird inmitten der untragbaren Herausforderungen und gerade diesem bedrohten Leben einen unschätzbaren Wert gibt.
Am Samstagmorgen eine ganz andere Tonalität: Wir hörten auf einen der dunkelsten Texte der Bibel, Klagelieder des Jeremia, die in fast unerträglichen Bildern Zerstörung und Zerbruch der Hoffnung schildern. Tanzen im Strom, wenn es ein Strom von unsagbarem Leiden ist? Ja, es gibt auch Tänze der Klage, der Trauer.
«Wie möchtest du sterben?» Mit dieser Frage begann Rebecca Froese aus Deutschland ihre Meditation nach den vielfältigen Diskussionen im Saal. Aus der Sicht von palliativer Pflege zeigte sie, wie sich gerade dort neue Handlungsräume und Aufbrüche eröffnen, wo man beginnt, mit der Möglichkeit zu rechnen, dass es auch zu Ende gehen könnte. Ein herausforderndes und hoffnungsvolles Wort in Zeiten von ökologischen Krisen und kleiner werdenden Gemeinden. Sergio Rosell aus Spanien legte die Kraft der Klage frei, zeigte historische Bezüge auf und liess ganz andere Arten des Tanzens anklingen.
Der Sonntagmorgen schliesslich blickte auf das bewegte Glauben im Unterwegssein der Jünger nach Emmaus. Marius van Hoogstraaten aus den Niederlanden entfaltete den Gedanken, dass das Herz der Jünger in jenen Momenten brennt, in denen Jesus als Fremder unerkannt mit ihnen im Gespräch ist. Und als sie ihn erkennen, verschwindet er. Dort, wo wir nicht verstehen und doch um Verständnis ringen, einander zuhören und gemeinsame Gedanken ausloten – gerade da können wir mit Gegenwartsmomenten des Auferstandenen rechnen. Und herausfordernd ist, wie sich Jesus gerade dort entzieht, wo es den Suchenden wie Schuppen von den Augen fällt, wo benennbar wird, wen sie unter sich haben. Der Auferstandene im Verborgenen gegenwärtig. Auch Catalina Bonilla aus Kolumbien zeigte auf, wie Jesus die Jünger in der Gegenwart ihrer Trauer und ihrem Unverständnis über den Tod Jesu abholt, sie erzählen lässt, Worte finden lässt für traumatische Erlebnisse, ihnen einen sicheren Raum des Zuhörens gibt und sie auf Wege nimmt, auf denen sie an Vertrautes anknüpfen können.
Fragen, die Gemeinden heute beschäftigen
Konzentrierte Impulse am Morgen und dann ein riesiges Kaleidoskop an Möglichkeiten. Workshops tauchten ein in die verschiedensten Herausforderungen von mennonitischem Gemeindesein in Europa und darüber hinaus – die Kommissionen der Mennonitischen Weltkonferenz nahmen auch an der CMERK teil und gaben Einblick in ihre Arbeit. Zukunft der täuferischen Theologie in Europa, Gemeinschaft leben in der Vielfalt der MWK, Fragen nach sicherer Gemeinde und sexuellem und geistlichem Missbrauch in der Kirche, Kolonialismus und mennonitische Geschichte, Leben als Täufer in Burgos, in Albanien, in der Ukraine, Gemeinschaft leben in grossen Meinungsverschiedenheiten. Daneben konnte man an einer Meditation teilnehmen oder lernen, wie man im Rollstuhl tanzt, das schöne Städtchen Amersfoort mit dem Boot erkunden, den Liebfrauenturm besteigen, vom höchsten Turm der Stadt neue Perspektiven gewinnen und dem historischen Glockenspiel lauschen, das Mondrian Museum oder den Zoo besuchen. Oder man konnte ganz einfach in der grossen Halle des alten Eisenbahndepots bleiben, wo die CMERK stattfand, und bei einem Kaffee die Gedankenanstösse weiterführen, in vielen kleinen Begegnungen Geschichten hören vom ganz persönlichen Tanz im Strom.
Spuren von Gottes Gegenwart
Am Abend dann Zeit, all die Eindrücke aus diesem Kaleidoskop zu sammeln. Ein weiteres Bibelwort hören: Die Geschichte Elias von Kampf, Flucht, Verzweiflung und Gottesbegegnung in der Stille; die Seligpreisungen als Zuspruch der wirkenden Gottesgegenwart in Abgründen und Freuden. Und Stille. Auch das ein Highlight: Miteinander und voreinander da sein in Stille und hören, zusammen mit vielen hundert anderen.
Und dann erzählten jeden Abend fünf Menschen von einem ihrer «glimpses of God», einen Moment, in dem sie eine Gottesberührung erlebt hatten: Wechselbäder der Gefühle, wenn Tanz und Lob auf Klage prallten, unerwartete Fürsorge Gottes, Gott im Menschen, der ein Glas Wasser reicht, weil er jemandes Müdigkeit sah, wo jemand Wertschätzung erfuhr – und plötzlich wurde sichtbar, was wir an dieser Konferenz erlebten: Bewegtes Glauben – miteinander im Hören, Suchen, Überlegen, Interesse am Fremden trotz Unbehagen, bewegt von Freude, wenn wir verstanden werden und Freude an neuen Perspektiven, die uns neue Wege finden lassen. Und nicht zuletzt auch im Singen von vertrauten Liedern und solchen, mit denen wir im Laufe der Konferenz vertraut wurden. Lieder, die manchmal unbequem zum Nachdenken anregten, manchmal einluden, in der Musik oder im Tanzen initiiert von Teenagern, in Gottes Lebensstrom einzutauchen – in all dem erlebten wir bewegtes und bewegendes Glauben.
Wie ein roter Faden zog sich durch die CMERK, dass sie nicht nur Begegnungen, Impulse, Überlegen und Zuhören war, sondern auch eine Zeit der Solidarität. Solidarität wurde greifbar in der Aktion der EMRO, den Nothilfegruppen der Konferenzen Europas: Decken und Kessel mit Hygienematerial verpacken und dann alles in einen Lastwagen verfrachten, der die Hilfsladung in die Ukraine bringen würde. Viele Hände packten mit an. So wurde diese Aktion zu einem Zeichen für das, was uns im Erleben der diesjährigen CMERK bewusst wurde: Wir brauchen einander, nicht trotz, sondern wegen all unserer Verschiedenheit! Im Rückblick sagte mir jemand: Das muss weitergehen! Was wir hier erlebt haben, sollten wir pflegen. Formen finden, wie wir das auch zwischen den grossen Konferenzen erleben können. Solidarität ist eine Kraft, die dem Lebensstrom Gottes nachspürt, und von diesem Strom wollen wir uns bewegen lassen.
Text:
Jürg Bräker
Titelbild:
Christoph Hertzler










