Was bedeutet es, im Alter «vorwärts zu leben»? Um diese Frage dreht sich der nächste Begegnungstag der Arbeitsgruppe für Altersfragen am 15. Oktober. Präsidentin Mariette Jecker spricht im Interview über den Anlass, den Umgang mit der eigenen Vergangenheit, über neue Möglichkeiten im Alter und darüber, wie wir auch später im Leben etwas weitergeben können.
Für die Tagung der Arbeitsgruppe für Altersfragen (AGAF) habt ihr das Thema «Vorwärts leben» gewählt. Haben ältere Menschen den Hang rückwärts zu leben?
Mariette Jecker: Wir leben vielleicht nicht gerade rückwärts. Aber wir haben garantiert weniger Jahre vor uns, als wir schon hinter uns haben. Von daher ist die Gefahr schon da, mehr in den Rückspiegel zu schauen statt nach vorne. Das kann schön und wohltuend sein, aber auch belastend, etwa wenn man immer wieder zu traumatischen Erfahrungen zurückkehrt, die noch nicht verarbeitet sind.
Was sind das für Erfahrungen?
MJ: Beispielsweise, dass jemand in Armut aufgewachsen ist, oder nie gesehen wurde und stark darunter gelitten hat. Es können aber auch Konflikte sein, die nie verarbeitet und beigelegt worden sind – gerade auch, weil in christlichen Kreisen lange darauf beharrt wurde, dass man einander einfach vergeben muss. Als betroffene Person war man dann mit einem hohen Anspruch konfrontiert, möglicherweise ohne die Mittel zu haben, diesem auch gerecht zu werden.
Wäre es in solchen Fällen nicht sinnvoll, sich bewusst mit der Vergangenheit zu befassen, anstatt einfach vorwärts zu leben?
MJ: Das stimmt und das sagt auch René Winkler, den wir als Referenten für die Tagung eingeladen haben: Wo uns die Vergangenheit immer wieder einholt und sogar blockiert, ist es wichtig, hinzuschauen und, wo nötig, Themen aufzuarbeiten. In dem Sinne ist Erinnerungsarbeit wichtig und gehört im Alter dazu. Aber sie ist nur die Grundlage, um die Jahre, die einem noch verbleiben, möglichst aktiv zu gestalten. Das gilt bis ins hohe Alter, aber besonders auch für jene Menschen, die im Moment pensioniert werden.
Inwiefern?
MJ: Man sagt, dass bisher keine Generation beim Start ins Rentenalter noch so viele Möglichkeiten hatte. Viele von uns haben noch Energie und sind meist auch finanziell gut aufgestellt: Die Sozialleistungen stimmen, etliche von uns haben auch geerbt. Seit einigen Jahren spricht man daher vom dritten Alter, das alle Menschen zwischen 65 und 80 Jahren umfasst – ein Alter, in dem man noch aktiv und engagiert sein Know-How weitergeben kann. Das vierte Alter folgt dann ab 80 Jahren, in dem sich körperliche und kognitive Einbussen zunehmend bemerkbar machen.
Werden diese Lebensphasen beide berücksichtigt an der Tagung? Sie scheinen einen Einfluss darauf zu haben, wie aktiv man noch vorwärts leben kann.
MJ: Diese Unterscheidung ist René Winkler wichtig. In der Viva Kirche, wo er aktiv ist, beobachtet er, dass viele Menschen, die ins dritte Alter kommen, sich erst einmal ausruhen wollen – im Sinne von: Wir haben uns nun lange engagiert, auch in der Kirche, nun kaufen wir uns einen Wohnwagen und geniessen an schönen Flecken auf der Erde den Ruhestand. Das findet er durchaus berechtigt. Zugleich bedauert er, wenn Menschen, die noch viel zu bieten haben, sich komplett zurückziehen. Vorwärts leben heisst für ihn im dritten Alter, zwar einen Gang zurückzuschalten, sich aber nach wie vor einzubringen, wo man gefragt ist. Ich persönlich finde das Zurückschalten auch deshalb wichtig, weil man der nächsten Generation Raum lassen sollte. Schön finde ich das Bild eines grossen Baumes, der jungen Bäumen Schatten gibt, aber ihnen nicht das Licht nimmt.
Und welche Möglichkeiten gibt es später im vierten Alter, noch aktiv nach vorne zu leben?
MJ: Eine Möglichkeit ist, mit seinen Erfahrungen zum Vorbild zu werden für die nächste Generation. Das kann man schon im dritten Alter pflegen, wird aber im vierten Alter besonders wichtig, wenn man für anderes nicht mehr allzu viel Energie hat. Der Untertitel unserer Tagung lautet: damit Erfahrung zu Weisheit werden kann. Zu einem solchen Vorbild werden wir nämlich dann, wenn unser Sein und Handeln in seiner Reife für andere anschaubar wird. Jede Generation hat der anderen etwas zu geben, auch wenn es nur etwas Kleines ist. Davon bin ich überzeugt. Ich kenne in meinem Umfeld etliche Menschen im mittleren Alter, die berichten, wie ihre Grosseltern sie positiv geprägt haben – sei es mit einer Lebenshaltung oder auch nur durch einen einzelnen Satz. An der Tagung wird uns René Winkler zeigen, wie wir bis ins hohe Alter auf solche und andere Weisen etwas bewirken können.
Wie seid ihr auf René Winkler als Referenten gestossen?
MJ: René Winkler hat sich in seiner Arbeit in der Viva Kirche immer wieder damit befasst, wie sich das Leben im Alter gestalten lässt. Unterdessen ist er am Theologischen Seminar St. Chrischona für den Bereich Generationen Plus zuständig. Zudem moderiert er einen Podcast, in dem er sich mit genau den Fragen auseinandersetzt, die auch an der Tagung im Zentrum stehen. Er bringt also viel Wissen und Erfahrung mit – auch ganz konkret für ältere Menschen in einem kirchlichen Umfeld.
Stichwort «ältere Menschen». Was würdest du sagen, wer soll an die Tagung kommen? Alle ab Pensionsalter aufwärts?
MJ: Die Tagung ist offen für alle, die am Thema interessiert sind. Man muss also noch nicht pensioniert sein, um teilzunehmen. Wir nennen den Anlass zudem bewusst Begegnungstag und haben genügend Zeit für das lockere Zusammensein eingeplant. Darum richtet er sich auch an jene, die unabhängig vom Thema einfach gerne Begegnungen mit Menschen aus anderen Mennonitengemeinden pflegen. Und wer gerne vierstimmig singt, wird ebenfalls auf seine oder ihre Kosten kommen: Wir konnten Christa Gerber aus der Mennoniten-Gemeinde Bern gewinnen, uns dabei anzuleiten. Sie ist Chorleiterin und freut sich darauf, zwischen den Referaten und am Ende der Tagung mit uns Lieder anzustimmen.
Abschliessend: Worauf freust du dich am meisten?
MJ: Ich freue mich natürlich auf viele Begegnungen, und darauf, immer wieder Neues zu lernen und mich vielleicht selbst in Frage stellen zu lassen. Die Vorbereitungen kosten zwar Zeit und Energie, aber diese Investition lohnt sich und ich hoffe auf ein grosses Echo! Der Begegnungstag findet ja auf dem Chrischonaberg statt und die Räumlichkeiten dort eignen sich bestens. Eine sehr gute Übersetzungsanlage steht zur Verfügung, alles wird zweisprachig durchgeführt. Auch dieses Mal werden wir zum Abschluss das wunderschöne Kirchlein mit unserem Gesang füllen! Die Flyer werden übrigens noch vor den Sommerferien in allen Gemeinden vorhanden sein! Ganz herzliche Einladung, macht Gebrauch davon!
Interview:
Simon Rindlisbacher










