Seit zwei Jahren arbeiten Sarah Botha und Joanne Schardt unterdessen als Pastorinnen in Mennonitengemeinden in der Schweiz, Sarah bei der Alttäufergemeinde Emmental und Joanne bei der Evangelischen Menonitengemeinde Sonnenberg. Beide sind Quereinsteigerinnen in der täuferischen Tradition – und bringen einen eigenen Blick mit. Im Interview erzählen sie von ihrem Weg, ihrem Alltag und davon, was ihnen in ihrer Arbeit wichtig ist.
Sarah, Joanne, ihr seid beide Theologinnen und arbeitet seit einigen Monaten neu in einer Mennonitengemeinde in der Schweiz. Wie seid ihr in der Theologie gelandet?
Sarah: Ich wollte nach dem Gymnasium eigentlich eine Ausbildung zur Sozialpädagogin machen. Nur fand ich nicht gleich einen Ausbildungsplatz. Zur gleichen Zeit kam nach einem Jungschargottesdienst in meiner damaligen Gemeinde eine Freundin auf mich zu und meinte: Du solltest Theologie studieren. Es braucht Pfarrerinnen wie dich. Dieser Wink von Gott hat mich nicht mehr losgelassen und so habe ich mich umentschieden und mich für das Theologiestudium in Bern eingeschrieben. Das fühlte sich bald sehr richtig an und passte auch zu mir als Mensch: Ich war immer ein Bücherwurm und von der Bibel fasziniert. In der sechsten Klasse träumte ich von einem Wuppertaler-Bibelkommentar. Finde mal einen Teenager, dem das passiert. (lacht) Gleichzeitig hat mein Beruf auch seine soziale Seite. Das Begleiten von Menschen gehört auch dazu.
Joanne: Ich träume seit meiner Teenagerzeit davon, Pastorin zu werden. In den Kirchen, in denen ich aufgewachsen bin, war das allerdings kein Thema – dort konnten nur Männer Pastoren werden. Deshalb wollte ich ursprünglich Lehrerin werden und begann ein entsprechendes Studium in Neuenburg. Nach einem Burnout, das mit einer Identitäts- und Selbstwertkrise zusammenhing, wurde mir klar, dass meine Identität in Gott als meinem Schöpfer gründet. Deshalb habe ich das Studium in Neuenburg abgebrochen und mich für ein Theologiestudium an der HET-PRO eingeschrieben – zuerst nur für mich, um mich neu zu finden. Während des Studiums ist dann eine echte Leidenschaft für die Theologie entstanden und auch die Idee, doch Pastorin zu werden.

Ihr seid beide nicht in einer Mennonitengemeinde gross geworden. Wie seid ihr auf eure Gemeinde gestossen?
Joanne: Ich habe schon früh immer wieder von den Täufern gehört – und mich hat ihre Radikalität fasziniert: Christus nachzufolgen, koste es, was es wolle, und das gewaltfrei. Während meines Theologiestudiums an der HET-PRO habe ich entdeckt, dass Jesus uns nie dazu aufruft, gewaltsam zu handeln oder für ihn zu den Waffen zu greifen. Für mich wurde klar, dass er uns dazu beruft, in seiner Nachfolge gewaltfrei zu leben. Zu diesen Überzeugungen passt die täuferisch-mennonitische Theologie am besten. Am Ende meines Studiums habe ich mich dann gefragt: Und was mache ich jetzt mit all dem, was ich entdeckt habe? Und nach längerem Überlegen habe ich realisiert: Am liebsten würde ich als Pastorin bei einer Mennonitengemeinde arbeiten, wenn’s geht im Berner Jura und zu etwa 50 Prozent. Eine Woche später hat die Sonnenberg-Gemeinde ihr Stelleninserat aufgeschaltet.
Sarah: Ich war nach meinem Theologiestudium zuerst als Pfarrerin bei einer Kirchgemeinde im Gürbetal und anschliessend einer Freikirche im Emmental angestellt. Dann habe ich eine Pause von diesem Beruf gemacht und in einem Alters- und Pflegeheim gearbeitet. Dort bin ich bei einem Besuchstag einer alten Bekannten begegnet, die Mitglied der Alttäufergemeinde Emmental ist. Wir haben uns ausgetauscht, und kurz darauf hat sie mir mitgeteilt, dass in ihrer Gemeinde eine Stelle frei wird. Ob ich diese nicht übernehmen möchte. Die Ausschreibung hat gut gepasst, also habe ich mich beworben. Dann erlebte ich ein beeindruckendes Bewerbungsgespräch. Der Austausch war von Beginn an geprägt durch gegenseitiges Vertrauen. Ich habe in einem solchen selten so viel Transparenz erlebt. Für mich war dann der Fall klar – und offenbar auch für die Gemeinde.
Wie muss man sich euren Alltag vorstellen?
Sarah: Mein Alltag besteht aus vielen Gesprächen mit Gemeindemitgliedern, die teilweise auch ziemlich kurzfristig vereinbart werden. Zwischen die Gespräche quetsche ich dann noch die administrativen Aufgaben rein, die anstehen. Und auch das Predigten-Schreiben braucht Zeit. Diese versuche ich mir frühzeitig in der Agenda zu blockieren, was mir nicht immer gelingt. Insgesamt bin ich sehr flexibel unterwegs. Der einzige Morgen, der immer gleich ist, ist der Dienstagmorgen: Da arbeiten alle drei Angestellten der Gemeinde immer zusammen im Büro. Das ist unser Moment, wo wir gemeinsame Projekte vorantreiben können und auch Platz ist für informellen Austausch.
Wie sieht es bei dir aus, Joanne?
Joanne: Auch meine Tage sind immer etwas anders. Unser Beruf ist ziemlich komplex. Es gibt viele Elemente, für die wir zuständig sind. Wir machen Projektleitungen, leiten Gruppen und begleiten Menschen. Das macht die Arbeit spannend und immer wieder begeisternd. Man darf miterleben, wie Menschen persönlich wachsen und sich die Gemeinde entwickelt.
Wie erlebt ihr eure Gemeinden? Was fällt euch auf, gerade auch weil ihr von ausserhalb des täuferischen Milieus kommt?
Sarah: Mir fällt auf, dass in meiner Gemeinde viele miteinander verwandt sind. Von aussen zu kommen ist da gerade für die Seelsorge ein Vorteil. Ich habe keine Allianzen und wirke sicher etwas unabhängiger. Deshalb fällt es den Menschen vielleicht leichter, sich mir anzuvertrauen.
Joanne: Für mich haben diese Familiennetze zwei Seiten: Zum einen sind sie ein tragendes Netzwerk, in dem viel Solidarität und Fürsorge gelebt wird. Kompliziert wird es dort, wo Menschen stark als Teil einer bestimmten Familie wahrgenommen werden – mit all dem, was das mit sich bringt. In meiner Rolle als Pastorin hilft es, dass ich von aussen gekommen bin und damit nur eine Rolle habe: Ich bin die Pastorin, nicht die Tante, die Schwester, die Cousine oder die Mutter. Ausser meinem Mann und meinen Kindern habe ich keine Familie in der Gemeinde. Das macht es mir einfacher, möglichst alle gleich zu behandeln.
Sarah: Manchmal habe ich auch das Gefühl, dass ich Dinge sagen darf, die jemand aus dem Kuchen nicht sagen darf. Man kann sich etwas freier über gewisse Gepflogenheiten hinwegsetzen, wenn man sie gar nicht kennt.
Hast du ein Beispiel?
Sarah: Ganz banal: Ich bin bekannt dafür, dass ich die Leute immer zum Aufstehen auffordere, wenn wir im Gottesdienst Lieder singen. Das ist in der Kultur in unserer Gemeinde nicht so verankert, auch wenn ich immer mal wieder merke, dass es gut ankommt. Aber wenn diese dann selbst einen Gottesdienst leiten, singt man trotzdem alle Lieder im Sitzen oder die Einladung zum Stehen kommt eher zögerlich – ausser man singt die Grosse Doxologie. Da steht die ganze Gemeinde auch unaufgefordert auf. Ich finde es spannend, solche Gepflogenheiten vielleicht nicht gerade zu hinterfragen, aber doch zu benennen und vielleicht auch mal einen Witz darüber zu machen, in aller Liebe versteht sich.
Haben solche Traditionen auch eine positive Seite?
Sarah: Ich finde viele der Traditionen gut. Sie bilden auch ein Fundament für die Gemeinde, geben ihr Stabilität. Auch die Familiennetze haben viele Vorteile. Ich erlebe, dass Leute, die von aussen teilweise ohne enge Familie in die Gemeinde kommen, eingebunden werden und plötzlich Familie haben. Ich glaube, auch generell hält das täuferische Erbe einige geistliche Schätze bereit, die es zu heben gilt – Standhaftigkeit, geistliche Freiheit, innere Heiligung. Da bin ich selbst noch am Finden und Benennen.

Joanne, wie erlebst du die Traditionen und Gepflogenheiten auf dem Sonnenberg?
Joanne: Die Gemeinde geht durch eine herausfordernde Zeit mit Veränderungen, die tief gehen. Ich denke da beispielsweise daran, dass Deutsch als Sprache tendenziell verschwindet. Viele der jungen Menschen im Sonnenberg sprechen eher Französisch. Das wirft Fragen auf. Dann ist zum Beispiel der vierstimmige Gesang Thema, ein weiteres identitätsstiftendes Merkmal, bei dem nicht einfach gesichert ist, dass es noch lange Bestand hält. Ich bin wegen der täuferischen Theologie zu einer Mennonitengemeinde gegangen – und habe entdeckt, dass es davon ganz unterschiedliche Interpretationen gibt. Bei all den Diskussionen zu solchen Punkten kommen wir am Ende immer wieder zur gleichen Frage: Wer sind wir? Wie definieren wir uns? Was hält uns zusammen? Wir müssen gemeinsam Antworten finden und Entscheide treffen, um an Klarheit zu gewinnen.
Was ihr über Traditionen, Identität und Veränderungen sagt, zeigt, wie fordernd eure Arbeit sein kann. Was macht euch sonst noch zu schaffen?
Joanne: Ja, der Beruf kann herausfordernd und kräftezehrend sein – besonders wenn man Menschen in persönlichen oder Beziehungskrisen begleitet. Je nach Situation übernimmt man auch eine koordinierende Rolle zwischen verschiedenen Stellen: mit Psycholog:innen, dem Sozialamt, Schulen oder – bei Gewalt – auch mit Anwälten und der Polizei.
Sarah: Diese Seiten gehören definitiv auch dazu, nicht nur die Krisen, sondern auch der Umgang mit Gewalt in verschiedensten Formen.
Müsste man nicht erwarten, dass es in einer historischen Friedenskirche keine Gewalt gibt?
Joanne: Ich glaube nicht, dass es eine Gemeinschaft ohne Gewalt gibt und hatte es auch nicht anders erwartet. Der Gewaltverzicht ist ein zentraler Wert, den wir zu leben versuchen. Er ist eine Richtschnur, aber eben nicht zwingend die Realität. Wir sind alle Menschen, machen Fehler, verletzen andere, oft auch ohne es zu wollen. Das ist normal. Was uns unterscheiden kann, ist, Gewalt nicht als Schicksal hinzunehmen: hinzuschauen, Stopp zu sagen und zu fragen, was wir dagegen tun können. Dabei geht es nicht nur um kriegerische Konflikte ausserhalb der Schweiz, sondern auch um psychische und physische Gewalt in unseren Gemeinden. Diese klare Absage an Gewalt ist ein Element, das mir an der täuferischen Theologie gefällt – und ein Grund, warum ich in einer Mennonitengemeinde arbeiten wollte.
Was motiviert euch bei dieser Arbeit trotz all ihren anspruchsvollen Seiten?
Sarah: Ich liebe es, mit Menschen zu arbeiten und zu sehen, was Gott tut und bewirkt. Fast die Hälfte meiner Arbeit ist Seelsorge. Gerade da ist es für mich buchstäblich wunderbar zu erleben, wie Gott in schwierigen Situationen Heilung und Freiheit schenkt. Ich träume von einer Gemeinde, in der wir transparent und ehrlich miteinander sein können, Lebensdurchbrüche feiern und zusammenstehen, damit Heilung entstehen kann – eine gesunde Fehlerkultur. Das heisst nicht, wir müssen gutheissen, was nicht gut ist. Aber der Fokus ist woanders. Wir definieren uns nicht mehr über die Fehler.
Joanne: Mir geht es gleich wie Sarah: Ich liebe es, Gott am Werk zu beobachten. Auch wenn es manchmal Geduld braucht, um positive Veränderungen zu sehen. Nach meinem Verständnis ist es meine Aufgabe, Hoffnung zu bringen. Das scheint mir in der heutigen Zeit mit allen Spannungen und Herausforderungen sowohl geopolitisch, gesellschaftlich wie auch ökologisch besonders wichtig zu sein. Besonders wichtig scheint mir, dass wir die Menschen zur Quelle der Hoffnung führen: Jesus Christus.
Sarah: Das ist auch für mich ein zentraler Aspekt meines Jobs: Mit der Gemeinde diesen Weg zu gehen und sie zu unterstützen, dass sie auch mitten im Alltag mit dieser Hoffnung und mit Gottvertrauen unterwegs sein dürfen.
Wie gelingt euch das?
Joanne: Letztlich basiert diese Hoffnung auf dem, was uns die Bibel über Jesus sagt. Mir ist es daher wichtig, in meinen Predigten immer nahe am Text zu bleiben. Die Zuhörenden sollen erkennen können, worauf meine Aussagen und die Hoffnung, von der ich rede, gründen: Sie kommt aus dem Wort Gottes. Das Ziel ist, dass sie selbst durch diese Hoffnung erneuert werden und dass sie ihnen hilft, auf ihrem Glaubensweg voranzugehen.
Sarah: Es braucht ein offenes Ohr an Gottes Herzen und die Bereitschaft auf das Gehörte zu reagieren – immer verwurzelt in der Bibel, wie Joanne schon erwähnte. Ich sehe meine Aufgabe darin die Menschen in der Gemeinde zu ermutigen ihr Ohr selbst an Gottes Herzen zu legen.
Interview:
Simon Rindlisbacher










