Aufrüsten für den Frieden – diese Logik klingt vertraut, hat aber ihren Preis. Während Rüstungsbudgets weltweit steigen, werden Entwicklungshilfe und humanitäre Unterstützung massiv gekürzt. Salomé Richir-Haldemann fragt, wo echte Sicherheit beginnt – und was Christinnen und Christen dem entgegensetzen können.
Artikel aus dem Magazin
Christ Seul n° 1174, mai 2026
«Si vis pacem, para bellum» («Wenn du den Frieden willst, bereite den Krieg vor»). Dieses bekannte lateinische Sprichwort spiegelt eine weit verbreitete Überzeugung: Die beste Garantie für Frieden sei die Bereitschaft zum Krieg. Wer sein Land rüstet, kann auf Bedrohungen reagieren, Schwache schützen und so Sicherheit für alle gewährleisten. Dieser Gedanke treibt viele Staaten dazu an, ihre Militärbudgets massiv zu erhöhen.
Verteidigung statt Solidarität
Das Trommelfeuer des Wettrüstens wird lauter und lauter. In der Schweiz, wo ich lebe, ist diese Tendenz deutlich spürbar: Ende 2024 beschloss das Parlament, die Militärausgaben zwischen 2025 und 2028 um vier Milliarden Franken zu erhöhen, mit dem Ziel, bis 2032 ein Budget von 1 Prozent des BIP zu erreichen.
Wir alle wünschen uns eine sicherere Welt. Doch wo liegt echte Sicherheit? Tatsächlich braucht es dafür Investitionen in menschliche Sicherheit – in Gesundheit, Bildung und humanitäre Hilfe. Unter Donald Trump und Elon Musk wurde die USAID, die US-amerikanische Behörde für Entwicklungszusammenarbeit, im Februar 2025 von einem Tag auf den anderen abgewickelt. Als Reaktion auf die Forderungen der Trump-Administration nach höheren Verteidigungsausgaben haben die meisten europäischen Länder ihre Entwicklungshilfe gekürzt. Grossbritannien hat seinen Hilfshaushalt um 40 Prozent reduziert. Frankreich hat ihn in zwei Jahren durch fünf aufeinanderfolgende Kürzungen um 58 Prozent verringert. Deutschland, nach den USA der zweitgrösste Geber für Entwicklungsländer, hat sein Hilfsbudget zwischen 2024 und 2025 um 53 Prozent gekürzt. Und in der Schweiz wurden erhebliche Kürzungen in der internationalen Zusammenarbeit beschlossen: 110 Millionen Franken für 2025 und 321 Millionen für den Zeitraum 2026 bis 2028.
Der menschliche Preis einer militärischen Illusion
Das sind drastische Einschnitte in einer Zeit, in der die weltweiten Bedürfnisse explodieren: Mehr als 123 Millionen Menschen sind vertrieben, 673 Millionen leiden an Hunger. Eine in The Lancet veröffentlichte Studie schätzt, dass diese Massnahmen bis 2030 22,6 Millionen Menschen das Leben kosten werden, darunter 5,4 Millionen Kinder unter fünf Jahren. Das sind 22 Millionen vermeidbare Tode. Während die Verteidigungsbudgets steigen und Waffen in Lagern verstauben, rettet humanitäre Hilfe unmittelbar und konkret Leben.
Steigende Rüstungsbudgets sind häufig ein Vorspiel zum Krieg, nicht zum Frieden. General James Mattis, ehemaliger US-Verteidigungsminister, warnte 2013: Wenn Diplomatie und Hilfe zurückgefahren würden, müsse er «mehr Munition kaufen». Echte Sicherheit braucht mehr als militärische Stärke – sie braucht Stabilität, Vertrauen und verlässliche Partnerschaften.
Auf dem Weg zu echter Sicherheit
In Gesundheit, Bildung und humanitäre Unterstützung zu investieren ist nicht bloss Wohltätigkeit, sondern eine weitsichtige Investition in eine sicherere Welt. Angesichts der weltweiten Aufrüstung und der drastischen Kürzungen, die die internationale Zusammenarbeit bedrohen, wird der biblische Aufruf zur Grosszügigkeit zum prophetischen Akt der Gerechtigkeit. Ich träume davon, dass Nachfolgerinnen und Nachfolger Christi gemeinsam ihre Spendengewohnheiten überdenken und Entwicklungshilfe massiv unterstützen. Das wäre ein klares Zeugnis: Leben geht vor Rüstung – und Gewalt ist keine Lösung.
Text:
Salomé Richir-Haldemann, täuferisch-mennonitische Theologin und Pastorin und Leiterin der StopPauvreté-Kampagne von Interaction Schweiz
Titelbild:
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