Im März 2026 fand in Lumban, Laguna die vorletzte Feier der MWK-Dekade «Renewal 2028» statt. Jürg Bräker, Generalsekretär der Konferenz der Mennoniten der Schweiz und Mitglied des MWK-Exekutivkomitees, und Raphaël Burkhalter, Jugendpastor der MJKS und Europa-Delegierter im Komitee der YABs, berichten was der philippinische Begriff Bayanihan – Lasten und Hoffnung gemeinsam tragen – für die weltweite täuferische Gemeinschaft bedeuten kann.
«Wenn eine Familie umzieht, nimmt die ganze Dorfgemeinschaft deren Haus auf die Schulter und begleitet die Familie an den neuen Ort»
«Bayanihan – Solidarität in der Familie Christi: Lasten teilen, Hoffnung teilen» – das war der Titel der vorletzten von zehn Feiern aus der Dekade «Renewal 2028» der Mennonitischen Weltkonferenz (MWK). Sie fand im März dieses Jahres in Lumban, Laguna auf den Philippinen statt und wurde von der Integrated Mennonite Church (IMC) veranstaltet. Mit der Dekade gedenkt die Weltkonferenz den Anfängen der Täuferbewegung vor 500 Jahren. Die zehn Feiern finden bis 2028 über elf Jahre verteilt in verschiedenen Ländern der Welt statt, in Zusammenarbeit mit einer lokalen Kirche und mit je einem eigenen Thema. Auch das Fest in Zürich im vergangenen Jahr gehörte in diese Reihe. An der eintägigen Feier auf den Philippinen nahmen rund 300 Personen teil, darunter Mitglieder der IMC, des Exekutivkomitees der MWK sowie Mitglieder des Komitees der Young Anabaptists (YABs).
Bayanihan widerspiegelt einen wichtigen Wert der philippinischen Gesellschaft. Was er bedeutet, wurde gleich zu Beginn der Feier deutlich. Sie wurde mit einer rituellen Prozession eröffnet, die den Wert der Gemeinschaft abbildet. Auf vielen Schultern verteilt wurde eine Hütte hereingetragen. Zum Abschluss trugen die Vertreter:innen der MWK und der IMC die Hütte gemeinsam durch die Versammlung. Das Ritual zeichnet den Zusammenhalt einer Dorfgemeinschaft nach: Wenn eine Familie umziehen muss, nimmt die ganze Dorfgemeinschaft deren Haus auf die Schulter und begleitet die Familie an ihren neuen Ort. Dieses Haus kann auch für das Gemeinschaftswesen an sich stehen: zusammen tragen wir, was uns gemeinsam betrifft und zusammen können wir hoffnungsvoll in die Zukunft blicken. Eine wirklich tragende Gemeinschaft.
Ich hatte auf den Philippinen den Eindruck, dass dieser Wert tief in der Gesellschaft verwurzelt ist. Immer wieder erlebte ich, wie Menschen zuerst in den Blick nahmen, was die anderen Mitglieder einer Gruppe gerade brauchen, und sich dann mit den eigenen Möglichkeiten und Bedürfnissen darin einordneten. Manchmal wurde richtig spürbar, dass sich die Menschen bewusst sind, dass unser aller Leben miteinander verbunden ist. Und immer wieder überraschte mich die Freundlichkeit und Fröhlichkeit in den Begegnungen.
Spürbar wurde dieses Bayanihan im Grusswort der Bürgermeisterin von Lumban, Belen Raga. Mühelos wechselte sie hin und her zwischen biblischen Passagen von der Einheit eines Leibes und dem gemeinsamen Tragen von Lasten und den Werten, die gelebte politische Kultur in den Dörfern, für die sie zuständig ist, ausmachen. Es folgten viele Zeugnisse und Reden von Vertreter:innen aus der weltweiten täuferischen Gemeinschaft, die Lasten und Hoffnungen teilten. Dabei wurde deutlich, wie unterschiedlich unsere Lebensbedingungen sind, und wie herausfordernd es sein kann, dieser tragenden Solidarität Hände und Füsse zu geben. Doch ebenso präsent waren die lokalen Kirchen: Ihre Vielfalt wurde auch in den traditionellen Tänzen sichtbar, die verschiedene Gruppen zeigten.
Eindrücke von der Renewal-Feier (Fotos: Kristina Toews und Liesa Unger)
Die Feier war ein bunter, voller Tag, doch eines meiner Highlights war ein eher stiller Moment. Als Vertreter:innen der MWK setzten wir uns zu den verschiedenen Gruppen, die aus verschiedenen Landesteilen angereist waren, um mit ihnen Anliegen zu teilen und zu beten. Ich erfuhr, dass Leute in meiner Gruppe zwölf Stunden unterwegs gewesen waren, um nach Lumban zu kommen. Wie viele der anderen Vertreter:innen der lokalen Kirchen hatten sie im Rahmen der Feier einen traditionellen Tanz gezeigt. Sie kamen aus einem ländlichen Gebiet im Norden und sprachen kaum Englisch. Wir konnten nur wenig austauschen, und auch unsere Gebetsformen waren sehr unterschiedlich. Und doch entstand im Gebet füreinander eine berührende Gemeinschaft – und auch einige Fotos!
Jürg Bräker mit Mennonit:innen aus den Philippinen.
Im Exekutivkomitee haben wir in unseren Sitzungen in der Woche nach der Feier viel darüber gesprochen, wie wir die Einheit konkret ausgestalten können, in die wir in Christus gestellt sind. Nicht alle verstehen diese Einheit gleich. Ich wünsche mir, wir könnten uns vom Bild von Bayanihan leiten lassen. Manche Kirchen, gerade wir in Europa, sind in Bewegungen, die an einen Umzug erinnern. Der Raum, den Glauben in unserer Gesellschaft hat, verändert sich. Formen, wie wir unseren Glauben gemeinsam leben, und das Leben von Gemeinden verändern sich. Wie können wir einander so tragen, dass wir einander begleiten auf dem Weg an neue Wohnorte, auch wenn es nicht unser eigenes Haus ist, das wir tragen? Diese Frage nehme ich mit aus dem Renewal 2026.
Text:
Jürg Bräker, Generalsekretär der Konferenz der Mennoniten der Schweiz und Mitglied des MWK-Exekutivkomitees
«Solidarität übersteigt manchmal das, was wir alleine tun können»
Zusammen mit dem Exekutivkomitee tagte auch das Komitee der YABs, das aus fünf Jugendlichen besteht, die je einen Kontinent vertreten. Für Europa bin ich dabei. Nach den Sitzungen nahmen wir alle auch an der Renewal-Feier teil. Ich durfte als Redner auftreten und sprach darüber, wie ich das Teilen von Lasten und Hoffnung erlebe. Nach dem Renewal trafen wir uns dann, um die nächsten internationalen Jugendtreffen zu organisieren und zu überlegen, wie wir Mennonitinnen und Mennoniten aus aller Welt noch besser vernetzen können.
Raphaël Burkhalter (dritte Person von links) mit weiteren Mitgliedern des YABs-Komitees und jungen Mennonit:innen aus den Philippinen
Das Thema Solidarität, das vom Organisationskomitee des Renewal 2026 gewählt wurde, prägte auch unseren Austausch im Komitee der YABs besonders. Solidarität, die vereint, aktiviert und ermutigt, übersteigt manchmal das, was wir alleine tun können. Denn wie können wir in einer internationalen Bewegung wie der Mennonitischen Weltkonferenz füreinander einstehen, wenn wir unseren Nächsten nicht kennen? Um dieser Frage nachzugehen, nahmen wir uns Zeit für Begegnung, Austausch und Zuhören – um die Perspektive von Brüdern und Schwestern aus anderen kulturellen Kontexten zu verstehen. Als YABs setzen wir uns dafür ein, die Beziehungen zwischen jungen Täufer:innen zu stärken und die weltweite Solidarität zu fördern. In Zeiten, in denen internationale Strukturen angesichts von Krisen machtlos erscheinen, wird diese umso wichtiger. Gelebte Solidarität setzt auf Freundschaften und tragende lokale Gemeinschaften – und hilft, die Lasten der anderen wahrzunehmen.
Text:
Raphaël Burkhalter, Jugendpastor der Mennonitischen Jugendkommission der Schweiz (MJKS) und Europa-Delegierter im Komitee der YABs










