2027 jährt sich das Schleitheimer Bekenntnis zum 500. Mal. Jürg Bräker, Generalsekretär der Konferenz der Mennoniten der Schweiz, ordnet im Interview ein, was die sieben Artikel von 1527 bedeuteten. Er zeigt, wie sie das Täufertum bis heute prägen – und wo sich das Verständnis seither gewandelt hat.
2027 jährt sich das Schleitheimer Bekenntnis zum 500. Mal. In Schleitheim ist daher im nächsten Juli eine grosse Gedenkveranstaltung geplant. Was steht auf dem Programm?
Jürg: Die Feierlichkeiten haben zwei Teile: Auf dem Bienenberg findet vom 1. bis am 2. Juli 2027 ein Kolloquium statt, das vom Bildungszentrum Bienenberg zusammen mit den Schweizerischen Verein für Täufergeschichte (SVTG) organisiert wird. Am 3. und 4. Juli findet dann die grosse und vielfältige Gedenkveranstaltung in Schleitheim statt. Im Zentrum steht nicht nur das Bekenntnis, sondern auch dessen Autor. Als dieser gilt Michael Sattler. Es ist geplant, eines Denkmal zu errichten, das seine Lebensgeschichte und Rolle thematisieren soll. Weiter wird am Anlass auch an die Familien erinnert, die im Klettgau ihre Wurzeln hatten, zu den Täufern gehörten und darum vertrieben wurden.
Was ist das Schleitheimer Bekenntnis genau? Was wird in Schleitheim erinnert?
Jürg: Am 24. Februar 1527 fand in Schleitheim eine grosse Täufersynode statt, aus der die sieben Artikel der «Brüderlichen Vereinigung etlicher Kinder Gottes» hervorgingen. Der Anlass dieser Versammlung liegt im Dunkeln, aber aus den Artikeln kann man herauslesen, dass es um Fragen von grundsätzlicher Orientierung ging: Eine Art Formulierung von gemeinsamen Kernüberzeugungen und auch Abgrenzungen. Auch wenn die Artikel als «Schleitheimer Bekenntnis» in die Geschichte eingingen, handelt es sich nicht um ein klassisches, umfassendes Glaubensverständnis.
Welche Funktion hatten die sieben Artikel stattdessen?
Jürg: Es war wohl eine Art Grundlage, auf der man lokale Gemeinschaften aufbauen konnte. Seit den Taufen an Erwachsenen im Januar 1525 in Zürich und anderswo formiert sich die Täuferbewegung langsam als eine eigenständige Bewegung innerhalb der Reformation heraus, die aber keineswegs einheitlich ist, weder in ihren Überzeugungen noch in ihren Anliegen. Die Schleitheimer Artikel können als ein Versuch gelesen werden, eine gewisse Einigung in der Täuferbewegung zu schaffen. Und darin spiegeln sich wohl auch die Erfahrungen der Niederschlagung der Bauernaufstände 1525 und der Verfolgung als dissidente Bewegung. Wie verhält man sich zur Gewaltanwendung, wenn man selbst Gewalt erleidet? Wie stellt man sich zur obrigkeitlichen Gewalt und zum Gesetz, wenn diese sich explizit gegen einen wenden? Und wenn man wählen muss, entweder dem Gesetz Gehorsam zu leisten und tiefste Überzeugungen aufzugeben oder an diesen festzuhalten und der Regierung teilweise den Gehorsam zu verweigern? Solche Fragestellungen kann man hinter den Artikeln vermuten, aber auch andere. Welche im Vordergrund standen, lässt sich heute nicht eindeutig sagen.
Wie wurden die Artikel vor 500 Jahren von der Täuferbewegung aufgenommen? Welche Wirkung hatten sie tatsächlich?
Jürg: Das ist unter Historiker:innen ziemlich umstritten. Zwingli behauptete später, es gäbe kaum Täufer, die nicht eine Abschrift davon besässen. Abschriften der sieben Artikel waren sicher weit verbreitet, aber wie weit ihr Inhalt wirklich die Bewegung prägte und als Leitlinie galt, das ist umstritten. Insgesamt haben die Artikel eine Tendenz, deutlich zwischen Welt und Gemeinde zu trennen. Die Absonderung von der Welt wird betont, damit die Gemeinde sich ohne Kompromisse aus der Nachfolge Christi entwickeln kann. Hat diese Absonderung das Schweizer und süddeutsche Täufertum geformt? Oder war die Absonderung weniger eine Überzeugung als eine Folge dessen, dass die Täufermandate ein verborgenes Versammlungsleben forderten? Auf jeden Fall gibt es viele Gegenbeispiele, die in den frühen Jahren ein Täufertum zeigen, das nicht so radikal von der Gesellschaft zurückgezogen lebte, wie es die Artikel fordern.
Die Artikel zu Schwert und Gewaltanwendung und zum Eid wurden aber in späteren Jahrhunderten zentral, wenn man versuchte, Kernpunkte des frühen Täufertums zu rekonstruieren. Im 2. Weltkrieg zog Harold Bender unter anderem diese Artikel heran, um ein «ursprüngliches» oder «echtes» Täufertum zu rekonstruieren. Diese Theorie wird heute von den meisten Historiker:innen nicht mehr gestützt.
Welchen Stellenwert hat das Bekenntnis heute in der täuferisch-mennonitischen Bewegung?
Jürg: In Nordamerika findet man in jenen konservativeren Konferenzen, die aus Nachfahren der ausgewanderten Schweizer und süddeutschen Täufern hervorgegangen sind, oft Verweise auf die Schleitheimer Artikel. Sie gelten als Orientierungspunkt für einen treu gelebten Glauben, für eine klare Trennung zwischen biblischen und weltlichen Werten. Gleichzeitig wurden in anderen Kreisen verschiedene Aspekte hinterfragt oder auch weiterentwickelt – beispielsweise das Verständnis von Gewaltlosigkeit oder die Idee der Absonderung von der Welt.
Inwiefern?
Jürg: Zum Verständnis von Gewaltlosigkeit hat die Bürgerrechtsbewegung wichtige Impulse gegeben, dass eine Enthaltung von und Nicht-Teilnahme an Gewalt keine genügenden Antworten sind, wenn es um ein umfassendes Verständnis von Friedensarbeit geht, die ungerechter Machtausübung auch Widerstand leistet und Strukturen der Ungerechtigkeit zu transformieren sucht. Gewaltlosigkeit wird heute nicht mehr mit Wehrlosigkeit gleichgesetzt, auch wenn es Situationen gibt, in denen man sich in der Christus-Nachfolge dafür entscheidet, lieber Gewalt zu erleiden als Gewalt auszuüben. Schliesslich wurde in ökumenischer Zusammenarbeit insbesondere von lutherischer Seite die Anfrage gestellt, wie bei einem Verzicht auf Gewalt die Schutzverantwortung wahrgenommen werden kann, die auch zum Liebesgebot gehört: Wie werden jene beschützt, die mir anvertraut sind und des Schutzes bedürfen?
Und welche Entwicklung gab es bei der Idee der Absonderung von der Welt?
Jürg: Diese wurde von etlichen stark hinterfragt. So ergeben sich nicht zuletzt aus missionstheologischen Überlegungen Anfragen, wie die Präsenz der Gemeinde in der Welt zu denken ist. Sind wir nicht auch aufgefordert, diese von Gott geliebte Welt mitzugestalten, eine Welt, in der Gott wirkt, sie erhält und schaffend tätig bleibt – durch die Gemeinde, aber auch ausserhalb von ihr? Das Kommen des Reiches Gottes beschränkt sich nicht auf die Gemeinde.
Zudem ermöglichen heutige demokratische Staatssysteme ganz andere Formen der Mitgestaltung und auch Machtausübung als dies im 16. Jahrhundert möglich war; diese «neuen» Staatsformen stellen neue Fragen, für die die Antworten der Schleitheimer Artikel mit ihrer Enthaltung von jeglicher Beteiligung an staatlichen Prozessen nicht genügen. Diese Anfragen haben zu einer Weiterentwicklung der Friedensarbeit geführt, die nach aktiven, mitgestaltenden Möglichkeiten sucht.
Doch die Schärfe der Unterscheidung zwischen Welt und Gemeinde, wie wir sie in den Artikeln finden, behält auch für uns ihre Herausforderungen, so eine Art Stachel im Fleisch. Die Frage bleibt, wie wir in dieser Welt ein Leben führen können, das sich dem Kommen des Friedensreiches Christi verpflichtet, einer Welt, die oft von ganz anderen Kräften und Mächten geprägt wird.
Die 500-Jahr-Feier der Täuferbewegung 2025 in Zürich wurde von der Mennonitischen Weltkonferenz veranstaltet. Beim Jubiläum der Schleitheimer Artikel 2027 ist der Verein für Heimatkunde Schleitheim im Lead. Wieso ist das so?
Jürg: In der Weltkonferenz haben wir weder die Kraft noch die finanziellen Ressourcen, zwei Grossanlässe so kurz aufeinanderfolgend zu organisieren. Und es werden auch noch viele Ereignisse kommen, deren die Täuferinnen und Täufer gedenken könnten: die Märtyrersynode von 1527 in Augsburg, die Ereignisse rund um das Täuferreich in Münster, das Wirken Menno Simons ab 1535. Da braucht es klare Prioritäten. Im Zusammenhang mit dem Jubiläum der Bewegung war es der Weltkonferenz ein Anliegen, vor allem die vielen Impulse zu feiern, die aus der Täuferbewegung hervorgegangen sind – gefeiert wurde daher nicht nur im vergangenen Jahr in Zürich, sondern über mehrere Jahre auf allen Kontinenten der Welt. Auch wenn die Bewegung in Europa begonnen hat, liegen ihre Schwerpunkte heute anderswo, und diese Vielfalt der gesamten 500 Jahre der Täuferbewegung soll in den Feiern auch sichtbar werden. Dass in Europa die Wahl auf Zürich als Austragungsort fiel, hat nicht nur mit seiner historischen Bedeutung für die Bewegung zu tun. Zürich ist weltweit zum Symbol des Täufertums geworden, nicht zuletzt durch die verschiedenen Reisegruppen, die hier die Spuren ihrer Vergangenheit suchen. Zudem gelten vielen Täuferinnen und Täufer weltweit die ersten Glaubenstaufen vom Januar 1525 in Zürich als Ursprung der Bewegung – sicher auch wegen der Feier des Sonntags der täuferischen Weltgemeinschaft, der diese Taufen jedes Jahr in Erinnerung ruft.
Wie und in welchen Bereichen sind die Mennoniten in der Schweiz am Gedenken beteiligt?
Jürg: Wie eingangs erwähnt sind das Bildungszentrum Bienenberg und der SVTG für das Kolloquium verantwortlich, das den Feierlichkeiten in Schleitheim vorausgeht. In Schleitheim werden wir zudem Teile der Ausstellung zeigen, die 2025 auf dem Jeanguisboden aufgebaut wurde. Das wird spannende Bezüge aufbauen. In Zürich und der Ostschweiz sind oft Bilder von amerikanischem und kanadischem Täufertum bekannter als die Realität der Mennoniten in der Schweiz.
Wirst du selbst an den Feierlichkeiten teilnehmen? Worauf freust du dich?
Jürg: Ja, ich werde sowohl am Kolloquium wie an den Tagen in Schleitheim dabei sein. Ich freue mich auf Begegnungen mit Menschen aus dem Klettgau, die da ja ein Teil ihrer eigenen Geschichte feiern, und auch auf Begegnungen mit Gruppen aus den USA und Kanada, um von ihnen zu hören, was sie heute noch mit Schleitheim verbindet und welche Bedeutung diese Artikel für sie haben.
Und dann erhoffe ich mir vom Kolloquium inspirierende Auseinandersetzungen. Lange haben wir den Dualismus von Welt und Gemeinde kritisch hinterfragt und nach einer transformierenden Wirkung der Gemeinde in dieser Welt gefragt. Das ist sicher nicht überholt, aber wir sehen heute in Europa, dass Überzeugungen politische Mehrheiten gewinnen könnten, die in deutlichem Widerspruch zu einem Leben in der Nachfolge Jesu stehen. Ist es an der Zeit, wieder deutlicher auch abgrenzend zu sagen, was eine Orientierung am Leben Christi von uns in diesen Zeiten fordert? Auch die Barmer Theologische Erklärung von 1934 (Abgrenzung von einer vom Nationalsozialismus geprägten Kirche der «Deutschen Christen») war damals nicht mehrheitsfähig unter Christ:innen. Die Antworten werden andere sein müssen als damals in Schleitheim, und doch glaube ich, dass da einiges an Orientierungskraft auch für heute drin steckt.
Interview:
Simon Rindlisbacher
Titelbild:
Ruth Hockarth










