Vielfältige Glaubensformen

Seit ihrer Entstehung im 16. Jahrhundert teilen Mennoniten wesentliche Glaubensinhalte der Reformation. Eine Besonderheit des mennonitischen Glaubensverständnisses war von Anfang an die Überzeugung, dass Christen keine Gewalt anwenden sollen. Heute leben und interpretieren die Mennoniten den christlichen Glauben vielfältig.

Die Mennoniten in der Schweiz sind aus der Täuferbewegung des 16. Jahrhunderts entstanden. Die Täufer waren Teil der Reformationsbewegung und vertraten damals ganz ähnliche Anliegen wie die Reformatoren. Sie hatten aber eine andere Meinung darüber, wie schnell die Neuerungen umgesetzt werden sollten. Und dann war da vor allem die Frage nach der Gestalt der Kirche. Im Gegensatz zu den Reformatoren schwebte den Täufern eine Kirche vor, die unabhängig vom Staat ist und auf freiwilliger Mitgliedschaft basiert. Da sich die beiden Gruppierungen nicht einigen konnten, spaltete sich die Reformationsbewegung. Bis heute teilen Mennoniten mit den anderen Kirchen der Reformation jedoch die folgenden vier Überzeugungen.

Grundüberzeugungen der Reformation

  1. Die biblischen Texte bilden die Richtschnur für Glauben und Lebensgestaltung (sola scriptura).
  2. Gott hat sich in Jesus Christus den Menschen heilsam zugewandt. Durch dessen Leben, Sterben und Auferstehung ermöglicht Gott versöhnte Beziehungen (solus christus).
  3. Gottes Liebe kann und muss von Menschen nicht verdient werden, sondern ist ein unverdientes Geschenk Gottes (sola gratia).
  4. Dieses Geschenk wird durch Glauben erkannt und angenommen (sola fide).

Was Mennoniten ausmacht

Neben diesen Gemeinsamkeiten mit den anderen Kirchen der Reformation, zeichnet sich das mennonitische Glaubensverständnis durch folgende Eigenheiten aus:

  • Mennoniten zählen zu den Historischen Friedenskirchen. Sie lehnen die Anwendung von Gewalt ab und engagieren sich für Frieden und Gerechtigkeit.
  • Mennoniten taufen keine Kleinkinder, sondern Erwachsene, die sich für den Glauben und die Mitgliedschaft in einer Gemeinde entscheiden.
  • Mennoniten befürworten eine klare Trennung von Kirche und Staat. Sie erheben keine Kirchensteuer, sondern finanzieren sich mit freiwilligen Spenden.
  • Mennoniten bejahen die Eigenständigkeit der Lokalgemeinden. Diese sind frei, in allen Belangen eigene Entscheidungen zu treffen.
  • Mennoniten verstehen die Gemeinde als konkrete Form des Christseins. Hier treffen sich Menschen, die sich in ihrer Unterschiedlichkeit nicht egal sein wollen. Gemeinsam versuchen sie einen Lebensstil zu praktizieren, der sich am Vorbild Jesu orientiert. Dazu bringen alle ihre Gaben, Einsichten und Fähigkeiten ein.
  • Mennoniten glauben, dass nicht nur „kirchliche Profis“ theologische Aussagen machen können. Deshalb predigen in vielen Gemeinden ganz unterschiedliche Menschen. Und wenn darüber geredet wird, was Gott in unsere Zeit sagen möchte, dürfen sich alle daran beteiligen. Denn auf Gott zu hören, bedeutet auch immer aufeinander zu hören.

Vielfalt in Theologie und Spiritualität

Wer die derzeit 13 Gemeinden der KMS besucht, lernt schnell: Mennoniten sind verschieden. Grund für diese Vielfalt ist einerseits die ausgeprägte Eigenständigkeit der einzelnen Gemeinden. Andererseits haben auch unterschiedliche geistlich-theologische Strömungen ihre Spuren hinterlassen.

  • Im 19. Jahrhundert prägte die Heiligungs- und Erweckungsbewegung viele Gemeinden. Daher gibt es eine pietistisch-erweckliche Tradition, die persönliche Bekehrung, tägliches Gebet und Bibellektüre sowie moralische Integrität betont.
  • Nach dem Zweiten Weltkrieg wirkte in vielen Gemeinden das Täufertum des 16. Jahrhunderts als neue Inspirationsquelle. Konsequente Nachfolge Jesu, solidarische Gemeinschaft und Gewaltverzicht entwickelten sich dabei zu Kernelementen eines gelebten Glaubens.
  • In neuerer Zeit ist in manchen Gemeinden eine zunehmende Offenheit für charismatische Glaubensformen gewachsen. Eine stärker emotionale Gottesliebe rechnet hierbei mit dem heilsamen und wundersamen Wirken des Heiligen Geistes im persönlichen und gesellschaftlichen Leben.

Diese unterschiedlichen Glaubenstraditionen sind heute allesamt Teil der mennonitischen Vielfalt. In der Konferenz der Mennoniten der Schweiz gibt es daher verschiedene Frömmigkeitsstile und theologische Überzeugungen. Grössere Unterschiede treten erst recht in der internationalen Gemeinschaft der Mennoniten auf.

Weitere Informationen

Die Vielfalt der europäischen Mennoniten im Überblick:  www.eumen.net/de/